1927 Mord an Babette Baumann

Zitiert aus dem Eisengau [15], Kapitel "Die Baumann Familien" - eigener Beitrag

Zu den unternehmerischen Sorgen der 1920er Jahre kam auch noch privater Kummer: Babette, Witwe von Erhard, lebte 1927 allein mit ihrem Sohn Hans, der sich von einer Krankheit erholte, in der Villa am Philosophenweg. Als Bedienstete hatte sie eine Köchin, ein Zimmermädchen und einen Gärtner. Sie wurde am 24.3.1927 vom ihrem Gärtner Riedel ermordet.

1917 1228 Babette mit Kindern
Bild:Babette Baumann mit Kindern Hans, Brunhilde und Else von links  (1917)

Einen Tag nach dem Mord wurde der Täter vernommen. Aus dem Vernahmeprotokoll[StaatsarchivA]: "Im Jahre 1890 bin ich beim 6. Chevauxlegers-Regiment in Bayreuth eingerückt und habe dort 3 Jahre gedient. Im Jahre 1893 machte der verstorbene Kommerzienrat Erhard Baumann ... als Wachtmeister eine Reserveübung. Auf Vorschlag meines Wachtmeisters nahm er mich nach Beendigung meiner Militärzeit am 20. September 1893 in seine Dienste. Ich wurde als Kutscher, Bereiter [vermutlich Stallmeister], Gärtner und Hausmeister verwendet. … Auch mit Frau Kommerzienrat Babette Baumann hat es in den ersten Jahren nichts gegeben. … Erst in den letzten Jahren hat Frau Baumann nach mir gegrübelt und nach Anlässen gesucht, um mich zu schikanieren und wegzubringen ..."

Am Mittwoch merkte Riedel, dass jemand in der Zentralheizung nachgeheizt hatte – eigentlich seine Aufgabe – und sperrte den Heizraum ab. Am Donnerstag ging die Heizung aus und nach dem Anheizen sollte er den Schlüssel dem Zimmermädchen übergeben. Das wollte er aber nicht und so kam es zur Auseinandersetzung mit Babette: "Frau Baumann fragte mich, warum ich den Schüssel abgezogen und eingesteckt hätte. Ich erwiderte: ‚wenn 2 immer daran herumarbeiten, dann kann ich den Ofen nicht richtig heizen und geht er aus …‘ Frau Baumann sagt darauf: ‚Ich kann doch mit meiner Heizung tun, was ich will.‘ Ich erwiderte: ‚Von mir aus jederzeit, wenn aber das Ding so weitergeht, dass mehrere am Ofen herummachen, dann muss ich den Schüssel übergeben, dann muss halt heizen, wer es besser kann.‘ … Darauf ist Frau Baumann von ihrem Platz am Schreibtisch aufgestanden, um den Schreibtisch herumgetreten und hat sich neben dem Schreibtisch hingestellt und hat in aufgeregtem Ton zu mir gesagt: ‚Jetzt können sie hingehen, wohin sie wollen.‘ Ich ging nicht, sondern sagte: ‚So, das ist mein Lohn für die Zeit, die ich hier gearbeitet habe, so geht es einem, wenn man alt wird, dann wird man überflüssig und hinausgeworfen.‘ Frau Baumann sagte: ‚Für mich sind sie erledigt‘, legte ihre beiden Hände auf meine Schultern und schob mich einige Schritte rückwärts zur Tür hin. Ich liess mich nicht hinausschieben, sondern widersetzte mich jetzt und schob wieder Frau Baumann einige Schritte auf die gleiche Weise zurück bis an das Tischchen. Dabei fielen ein paar Blumenstöcke auf den Boden hinunter. Jetzt langte ich in meine rechte Hosentasche, zog mein zugeklapptes Gartenmesser heraus und klappte dasselbe vor Frau Baumann stehend auf. Als Frau Baumann dies sah, stiess sie einen Schrei aus und rief 2 mal: „Kuni“ (das war die Köchin) ich aber zog mit meinem Gartenmesser schnell nach ihr aus und fügte ihr am Halse eine Schnittwunde bei. ... Ich hatte nicht die Absicht, Frau Baumann zu töten, ich wollte sie nur verletzen."

Babette verblutete sehr schnell an der Verletzung der Halsvene.

Riedel ist danach nach seinen Worten "auf dem Fuhrweg in meine Wohnung gegangen, woselbst niemand anwesend war. Ich nahm Briefpapier zu mir und … meinen geladenen Revolver und ging damit in den oberen Garten hinauf … und stieg dort in den Schacht und schrieb dort die 3 zur Gerichtshänden gelangten Briefe." Gärtner Riedel zeigte in der Vernehmung keine Reue.

Diese drei Briefe beschäftigen das Gericht besonders. Der erste Brief: "Liebe Mutter und meine lieben Kinder: Es war schwer, ja sogar sehr hart für mich, aber eine solche Bestie, wie die war, hat es nicht anders gewollt. Nehmt es mir nicht Übel, das hat lang genug gedauert. Ich wünsche Euch alles Gute und schaut, daß Ihr nicht auch von einer solchen Bestie abhängig werdet. Die letzten Grüße und Küsse von Deinem lieben Gatten und Eurem lieben Vater, lebt wohl, auf Wiedersehen." Auf der letzten Seite ... steht: "Bitte Herr Baumann (der Sohn von Babette) verzeihen Sie mir und nehmen Sie sich meiner Frau an; das werde ich verdient haben die vielen Jahre."

Der zweite Brief an seinen Schwager handelt von seinem Beerdigungswunsch. Der dritte Brief: "An meine Kameraden! Es ist mir furchtbar leid, daß ich so schnell von euch scheiden muß, aber es ging nicht anders. Diese Bestie hat mich jetzt schikaniert genug. Ich mache den Anfang von der kommenden Revolution."

Riedel kletterte dann aus dem Schacht heraus, gleichzeitig kamen die ersten Polizeibeamten. Er flüchtete ein kurzes Stück und schoß dabei zweimal in den Boden, bevor er sich ergab. Wahrscheinlich hatte er sich von Selbstmordgedanken wieder gelöst, denn im Protokoll behauptete er noch die Waffe auf sich gerichtet zu haben, die Kugel hätte jedoch seine Joppe nicht durchschlagen.

Der Prozess hat in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erfahren. Die Ermittlungen haben sich nun ganz besonders auf die Hintergründe des dritten Briefes konzentriert, doch es konnte kein staatsfeindlicher Aktionismus festgestellt werden.

Die unterschiedlichen Standpunkte der Bevölkerung spiegelt eine Leserzuschrift wider: ... Man sucht den Täter als Opfer einer unsozial handelnden Frau hinzustellen. ... Zur Aufklärung sollen zunächst einige Tatsachen sprechen: "... er verdiente pro Woche 35 Mark. Rechnet man hinzu, dass er ein kleines hübsches Haus allein bewohnte, mietfrei, lichtfrei und freies Holz (Weihnachten 100 M), so ergibt sich ein Einkommen das höher war als das der meisten Arbeiter, ... ja vieler selbstständiger Geschäftsleute heutzutage. In Bezug auf Wohnung wohnte er besser als neun Zehntel aller Einwohner von Deutschland. ... Bis zum Krieg hatte Frau Komm.-Rat einen eigenen Gärtner, dessen Sohn einen Klumpfuß hatte. Nur auf ihre Veranlassung hin kam dieser Junge in eine Münchner Klink und er läuft heute vollkommen gesund, während die Tote dem Vater alle Kosten abnahm. ... Nun zu den Kindern des Täters, er hat deren zwei. ... Der zweite Sohn bekennt sich öffentlich zu Dank verpflichtet. Ferner: ... Vor nicht langer Zeit hatte Frau Komm.-Rat dem Riedel zugeredet, er möge sich ein künstliches Gebiß machen lassen, sie übernehme seine Kosten. - Handelt so eine harte Dienstherrin?" Der Schreiber geht weiter auf 33 Jahre Betriebszugehörigkeit, die frühere Tätigkeit Riedels als einen der Herrschaftskutscher und auf die gute Behandlung "unseres Riedel" ein. Der Krieg habe eine Änderung der Lebensverhältnisse gebracht, die Herrschaftspferde wurde abgegeben, der (damalige) Gärtner wurde eingezogen, Riedel wurde der neue Gärtner. "... etwas mag bitter sein: ER war schon Anfang der Vierzig und in diesen Jahren noch mal den Beruf wechseln müssen, mag hart sein, insbesondere wenn er nicht leichter wird. Riedel war fleißig, das wurde immer zugestanden, aber er war seit dieser Zeit reizbar und wurde immer unzufriedner. Schon seit jener Zeit klagte Komm. Rat Baumann ... über sein Benehmen. ... Im Wirtshaus allerdings, wo er überhaupt streitsüchtig wurde, konnte er nicht genug über die Kapitalisten usw. schimpfen, so daß es selbst Linksstehenden zu viel werden konnte. ... Wo liegt also die Schikane? Daß er hat arbeiten müssen, wie ein anderer Arbeiter, statt auf dem Bock zu sitzen und spazierten zu fahren? Das hat er scheinbar nicht verwinden können."[Amberger Volkszeitung 16.4.1932]

Im Urteil vom 27.6.1927 steht: "Er entschuldigt seine Tat, indem er sich ohne allen Grund als Opfer langjähriger Chikanen hinstellt und sich nicht scheut seine Dienstherrin als Bestie zu bezeichnen. Er ist niemals chikaniert worden … und kam schließlich selber nicht mehr ernsthaft darauf zurück. ... Komödie war auch der Brief an seine Kameraden; er konnte die Kameraden, an die der Brief geschrieben war, nicht angeben; er war nicht Mitglied der kommunistischen Partei und wollte mit dem Briefe in berechnender Weise seiner Tat eine politische Färbung geben."
Riedel wurde wegen Totschlag zu 10 Jahren Haft verurteilt und 1936 vorzeitig auf Bewährung entlassen.

Todesanzeige Babette
Bild: Die Todesanzeige der Babette Baumann im Amberger Tagblatt.

Am 28. März berichtete das Amberger Tagblatt über die Beerdigung: "Das Leichenbegängnis der so tragisch ums Leben gekommenen Frau Kommerzienrat Babette Baumann gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der öffentlichen Sympathie für die verdienstvolle Industriellenfamilie. Es war selbstverständlich nötig, die Würde der Feier und ihren tieftraurigen Ernst vor bloßer Neugierde durch polizeiliche Absperrung des Friedhofs zu wahren. Schon vor der Totenhalle, wie später am Grabe brachte Herr Stadtpfarrer Weigel in bewegten Worten die übermannende Tragik des Todes von Frau Kom. Baumann zum Ausdruck. Ein lichter Trost für die Ewigkeit schloß seine goldenen Worte. Am Grabe legten unter dem Ausdruck wirklich echten Leides die Angestellten und Meister, dann die Vertreter der Arbeiterschaft der Firma einen Kranz nieder. Der evangelische Frauenverein bewies seine Ergriffenheit über den Verlust eines so edlen Mitgliedes durch die Niederlegung eines prächtigen Kranzes. Der deutsche Offiziersbund erwies durch Herrn Oberst Ruchte in Wort und blumigen Kranz der großen Toten die letzte Ehre. Der Sarg senkte sich. Die Blumen lösten sich aus den Händen der das Grab umrahmenden Jungmädchen. Der letzte Gruß an die allzufrüh verstorbene edle Frau."

Babette hinterließ drei Kinder: Else (27) heiratete Dr. Theodor Sehmer, Brunhilde (25) bleibt alleinstehend in Amberg und Hans (22) tritt in die Firma ein.

Scroll to Top