Werner Baumann

kommt erst noch ...

Am 23.1.1923 kommt Pa in das Landschulheim Schondorf in die II.Klasse (heute 6.Klasse). Die Schule selbst folgt der Reformpädagogik: Modell der ganzheitlichen Erziehung (Kopf, Herz und Hand). In den Briefen findet sich kein Hinweis, wie es zu dieser Wahl gekommen ist.  Einmal befindet sich Tante Ju mit Sohn Wolfgang Helwig in Schondorf. Jener Wolfgang ist lange Zeit ein sehr enger Freund von Pa - beispielsweise kaufen sie später zusammen nach dem Krieg das Haus in Herrsching, Gachenaustr.
Außerdem sind noch andere Verwandte von den Fuchs v. Bimbachs dort zur Schule gegangen.
Das erste Zeugnis von März 1923 (Blatt1, Blatt2) fällt eigentlich nicht schlecht aus, wenn man die Voraussetzung weiß. Oskar hielt nichts von öffentlichen Schulen und hat Werner mit Privatlehrern unterrichtet. Leider finde ich keinen Beleg dazu, daß die Erzählung von Pa. Oskar hat viel Wert auf Naturwissenschaften gelegt, dementsprechend gut - hervorragend - ist die Note in Arithmetik. Während er Latein vorher noch nie hatte - magelhaft -. In Turnen schneidet er ebenfalls mit ungenügend ab, aber das wird sich noch ändern ... Das besondere Schondorf ist der zweite Teil “Besondere Beurteilung”. So steht dort als Urteil der Kameraden: “Sollte sauberer sein”.

1923 Leh Oskar Das erste Bild mit der Unterschrift “O.B. und Henno auf Profi” - Profi ist ein Segelboot des Landschulheims.
(links außen, sitzt Oskar mit Pfeife - die anderen sind unbekannt)

Pa wird dann von 1922 bis 1930 in Schondorf zur Schule gehen. Er hat erzählt: “am schlimmsten war es abends. wir waren todmüde und wollten ins Bett. Aber wird durften nicht - der Schlafsaal war zugesperrt. Da legten wir uns vor die Tür schlafen.”

Im Oktober 1929 hatte Pa einen Blinddarmdurchbruch. Er hat mir erzählt, dass ein kräftiger Pfleger ihn gepackt hat und ihn wahnsinnig heiß gebadet hat. So heiß, daß er ohnmächtig geworden ist und dabei wäre der Bauchraum gespült worden. Dazu gibt es einen Brief vom 27.10.1929 an Thaibeth aus München (anscheinend war er in einem Krankenhaus in München): “Mir geht es jetzt einigermaßen gut, obwohl ich immer noch eine Kanyle, das ist ein Gummischlauch, in der Wunde habe, durch die die eitrige Flussigkeit ablaufen muß. Der Blinddarm war ja bereits durchgebrochen, d.h. der ganze Salat ist zum großen Teile in die Bauchhöhle gegangen. ... Ich nehme an noch 10-14 Tage. Dann .. erhole ich mich zuhause 14 Tage.”

 

 

(Text aus ahnenforscher)

Beruflich:
Ostern 1930: Abschluss im Landschulheim Schondorf
1930-1936 techn. Hochschule München
27.4.1936 Diplomabschluss "Technische Physik" an der TU München mit 1,3
1.4.1936-31.10.1937 Volontärassistent tech. Hochschule München - Elektro-physikal. Laborat
9.7.1938 Promotion am Lehrstuhl für Maschinenwesen mit Auszeichnung bestanden
  Thema "Entstehung und Struktur Elektrolytisch erzeugter Aluminiumoxydschichten"
1.11.37-15.7.40 UHER&Co seit 1.1.938 Leiter der Abteilung Vorentwicklung
1.7.1940 Einstellung bei Heinkel als "Leiter der Versuchsabteilung" Gehalt 800 Reichsmark
  Adresse des Arbeitsvertrags: Wolfratshauser Str in München
  §7 "Wir setzen voraus, dass sie arischer Abstammung sind und sich zum nationalsozialistischen Staat und seiner Führung bekennen"
  (Im Arbeitsbuch steht: 22.7.1940-31.7.1943 Heinkel Rostock Leiter der Flugerprobung)
27.12.1940 "die bisherigen Flugabteilung und Flugerprobung werden zur Flugabteilung vereinigt. Die Leitung übernimmt Dr.ing. Werner Baumann"
2.5.1941 "durch Einsatzbereitschaft und technische Befähigung" steigt das Gehalt auf 1200RM in Rostock.
1.8.1943 Kriegsende Heinkel Wien, Leiter der Flugabteilung (Arbeitsbuch)
30.10.1944 "Gesamthandlungsvollmacht für die Ernst Heinkel AG Werk Wien" in Wien
14.1.1948 Sühnebescheid wegen Mitgliedschaft bei NSDAP seit 1937 Geldbuße 600 RM (im Volksmund Persilschein)
ca. 1948-1982 technische Firmenleitung Gebrüder Baumann Emaillierwerke, davor Firma fremdverwaltet
1.7.1963-30.4.1965 technische Geschäftsführung bei NSF Nürnberg
  ich erinnere den Dienstwagen BMW V8 genannt "schwarzer Bomber"
anschließend Wiedereintritt in die Emaillierwerke

Lebensstationen:
1911 geboren um 1 3/4 in Amberg, Name Werner Erhard Oskar
1914 Mutter Elsa gestorben - an einer Blutvergiftung an einem Pickel an der Lippe. Ihre Tochter Elisabeth war zu dem Zeitpunkt erst 3 Monate alt und wurde noch gestillt. Elisabeth war nach der Katastrophe selbst schwer krank und von einem Ausschlag überzogen (Quelle Susi)
Vater Oskar übernimmt daraufhin die Erziehung von Werner, während die Grosseltern nach Amberg kommen und die Erziehung von Elisabeth übernehmen.
Oskar hält von öffentlichen Schulen nichts und stellt private Lehrer für ihn ein.
“fress ick all allene up”
ca.1922- Ostern 1930 Landschulheim Schondorf am Ammersee
1930-1938 Studium und Promotion in München
1938 Kennenlernen von Lotte auf dem Abschlussball der Meisterschule. Dort mussten alle Meisterschüler ihre Arbeiten vorführen. Zufällig kam Werner vorbei und hat dort Lotte kennen gerlernt und ihr mit einem geklauten Blumenstock den Hof gemacht.
1939 Wohnung in München (auf einen Brief steht Wolfratshausenerstr.)
1.9.1939 Verlobung
17.5.1940 Heirat Lotte Werner in Fockbek
Vater Oskar hat dabei einen Vermögensnachweis vom Vater von Lotte verlangt. Laut Lotte hat ihr Vater diesen ihr zuliebe gemacht mit dem Kommentar "einmal und nie mehr wieder".
1940 Umzug nach Rostock mit Angebot von Heinkel
Eine Bombardierung hat das Haus in Rostock getroffen (Bombe landete genau im Kinderwagen). Lotte war zu der Zeit in Fockbek und blieb daraufhin dort.
1942 Kind Ine, geboren in Fockbek
1943 Umzug nach Wien Schwechart
Die Bombardierungen versetzten die Bewohner in grosse Angst. Werner erzählte, dass sie aus der Stadt in Scheunen geflüchtet sind. 
1944 Nach Bombardierung des Werkes zieht Heinkel um nach Augsburg. Werner geht auch nach Augsburg (aber ohne Lotte).
1944 Vater Oskar stirbt an Lungenentzündung
1944 Lotte fährt mit dem Zug kurz vor Kriegsende wieder nach Amberg.
1945 Als Werner das Kriegsende sieht nimmt er ein Fahrrad und radelt nach Amberg zurück. Hier bekommt er grosse Vorwürfe, da er das Fahrrad von Heinkel aus Augsburg mitgenommen hat (Diebstahl) und muss sich im Wald verstecken.
1945 In den Nachkriegswirren wird der Betrieb in Amberg mehrere Jahre fremdverwaltet, da Rüstungsbetrieb (Produktion von Bechteilen für Helme, Granaten und Flugminen) durch Herrn Schatz. Der Zutritt zur Firma war in dieser Zeit nicht möglich. Vielleicht war aber der Sühnebescheid Voraussetzung für den Zutritt. Im Internet habe ich gelesen, der Persilschein war Voraussetzung um Arbeit zu bekommen.
Im Haus wurde die Versorgung durch eine eigene Mini-Landwirtschaft gesichert (2 Kühe und Hühner).
Amerikaner kamen öfters vorbei mit Lastwagen und haben das Haus leergeräumt bis auf das Bett von Ine, während die Flüchtlinge ihre Habe behalten konnten. Elisabeth hat aus Wut Radio aus dem Fenster geworfen, damit ihn die Amis nicht bekommen. Daraufhin wurde ihr Bruder Werner in Haft genommen und musste ein paar Tage einsitzen. Lotte konnte nach Mühen ein Brot ins Gefängnis bringen. Die Einrichtungsgegenstände konnten später wieder zurückgekauft werden in Grafenwöhr.
Andererseits wurden Flüchtlinge an bestehende Häusern zugewiesen. So war das Haus von über 20 Personen bewohnt. Schwierig war die Entsorgung der Abwässer der vielen Bewohner. 
Herumschweifende Banden (Polen? Banden aus freigelassenen Straffälligen - das könnten auch Vermutungen sein) verunsicherten die Bevölkerung. Eines Tages wurde auch die Villa überfallen. Einer der Flüchtlinge stellte sich Ihnen in den Weg und wurde erschossen. Glücklicherweise zogen diese dann aber ab, ohne die Einwohner des Hauses zu erpressen.
1947 2.Kind Susi, geboren in Amberg
ca 1948 war die Casinogesellschaft der Mittelpunkt. Legendär waren die Faschingsbälle.
1950 Bau des Ferienhauses in Herrsching als Notlösung, falls die Russen die Oberpfalz übernehmen sollten (Kalter Krieg!). Ein Darlehen von Wolfgang Helwig von 30.000 DM ermöglichte den Bau.
1954 Umbau der Villa in der Bergauffahrt 4 (marodes Dach). Das ursprüngliche Dach war auch sehr unpraktisch - die Dachfenster konnten nur über Treppen erreicht werden. Bis dahin gab es keine Zentralheizung, jeder Raum wurde einzeln beheizt.
1955 3.Kind, Georg (das bin ich!)
ca.1965 bis 1967 Er war kurz Geschäftsführer bei der Nürnberger Schrauben Fabrik (NSF). Die Ursache war wohl die Einkommensregelung in der Emailfabrik, was zu häufigen Konflikten mit den Teilhabern, bzw. den Frauen, und den nicht arbeitenden Teilhabern (z.B. Elisabeth) geführt hat. Es wurde damals kein Gehalt bezahlt, sondern anteilig aus dem Gewinn ausgezahlt. Das heisst die Teilhaber, die nicht gearbeitet haben, haben das gleiche Einkommen bezogen. Das heisst Werner konnte damit ein Gehalt bei der NSF und ausserdem seinen Anteil aus dem Gewinn der Emaillierwerke bekommen.
1967 wurde jedoch die Produktion der Schrauben nach Schwerte verlagert. Ich kann mich noch an die schönen verzinkten Schrauben, besonders die Kronenmuttern erinnern. Anschliessend kehrt Werner wieder als Geschäftsführer zurück nach Amberg.
Er sah die Zukunft mit der Produktion von emaillierten Töpfen sehr kritisch. Daher versuchte er mit großer Energie ein Ersatzprodukt: den emaillierten Auspuff marktfertig zu entwickeln. Letztendlich war das Projekt für die Firma zu groß und der korrisionsbeständige Auspuff wurde durch Edelstahl und bleifreies Benzin realisiert.
Ende 1982 übernahm ich die Rolle meines Vaters und er schied aus der Geschäftslleitung aus.
1985 Mein Vater hatte nachts einen Schlaganfall. Er kam mit halbseitiger Lähmung ins Krankenhaus, leider konnte er nach dem Schlaganfall nie mehr sprechen. Am Schrank im Krankenzimmer hing ein Bild von Enkel Johannes (rosa Gesicht mit nach hinten stehenden Haaren), dass er oft ansah. Ich denke er verstand viel und konnte durch Geräusche seine Zustimmung oder Ablehnung zum Ausdruck bringen. Am Ende wollte er einfach nicht mehr weiterleben, er wehrte sich energisch gegen alle  Reha-Massnahmen. Er verstarb im Krankenhaus am 13. März.
 

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